[Rezension] Terror

07. Juli 2018 | 16:00 | Gelesen

Titel: Terror
Autor: Ferdinand von Schirach
Originaltitel: Terror
Erstveröffentlichung: 2015
Übersetzer: Originalsprache


Wissenswertes

Terror enthält ein Theaterstück sowie eine Rede des deutschen Schriftstellers und Strafverteidigers Ferdinand von Schirach, dessen Bücher im In- und Ausland zu Bestsellern wurden und bisher in 40 Ländern erschienen sind. Seine ersten Kurzgeschichten veröffentlichte er im Alter von 45 Jahren und zählt heute zu den erfolgreichsten Autoren Deutschlands.

Das Theaterstück soll seit seiner (Doppel-)Uraufführung im Oktober 2015 in elf Ländern aufgeführt worden sein und laut dem Spiegel zu den erfolgreichsten zeitgenössischen Bühnenstücken zählen. Unter dem Titel Terror – Ihr Urteil wurde es u.a. mit Florian David Fitz in der Rolle des Angeklagten verfilmt, wobei die Zuschauer über den Ausgang abstimmen konnten. Die Ausstrahlung des Films gilt als das bislang größte Live-Experiment im deutschsprachigen Fernsehen.

Inhalt

26. Mai 2013: Ein Flugzeug, das sich auf dem Weg von Berlin nach München befindet, wird während des Fluges von einem Terroristen entführt. Er plant die Passagiermaschine in ein Fußballstadion mit 70.000 Menschen darin stürzen zu lassen. In letzter Minute wird das Flugzeug von einem Piloten der Luftwaffe eigenmächtig abgeschossen und der Anschlag auf das Stadion dadurch vereitelt, wohingegen die 164 Menschen, die sich an Bord der Maschine befanden, sterben.

Nun steht der Pilot vor Gericht, angeklagt wegen des Mordes an den 164 Passagieren und Crew-Mitgliedern in dem Flugzeug. Staatsanwaltschaft und Verteidigung bringen ihre Standpunkte klar zum Ausdruck, doch am Ende müssen die Schöffen entscheiden, ob sie den Piloten verurteilen oder freisprechen – ob sein Handeln bestraft werden muss oder nicht.

Kritik

Terror beinhaltet zum einen das Theaterstück mit dem gleichnamigen Titel, das beeindruckend und bedrückend zugleich ist, sowie zum anderen eine Rede des Autors Ferdinand von Schirach zur Verleihung des M100-Sanssouci Medien Preises an Charlie Hebdo mit dem Titel Machen Sie unbedingt weiter. Obwohl das Buch bereits 2015 erschien, ist das Thema nach wie vor hochaktuell und mit vielen seiner Prognosen hat der Autor – leider, muss man sagen – letztlich richtig gelegen.

Terror ist unheimlich fesselnd und außerordentlich interessant, obschon es sich dabei „nur“ um ein Theaterstück und nicht um einen Roman handelt, wodurch es bis auf wenige Regieanweisungen ausschließlich aus der wörtlichen Wiedergabe des Gesprochenen besteht. Es beschäftigt sich mit einem sehr brisanten Fall, der allerlei Emotionen hochkochen lässt – auch heute noch. Niemand vermag wohl zweifelsfrei zu sagen, wie er sich in so einer Situation am Ende wirklich entscheiden würde.

Im Mittelpunkt steht somit eine ausgesprochen schwierige, provokante Fragestellung, über die sogar Juristen stundenlang diskutieren können, ohne jemals auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen. Beide Seiten, Staatsanwaltschaft und Verteidigung, bringen durchaus sinnvolle, nachvollziehbare und überzeugende Argumente vor, am Ende muss jedoch jeder für sich selbst entscheiden, wessen Gründe einem gewichtiger erscheinen, wem man eher zustimmt. Das Urteil ist demzufolge nicht annähernd so eindeutig vorherzusehen, wie manch einer vielleicht glauben mag. Wenn wir Pech haben, wird ein solcher oder ähnlich gelagerter Fall eines Tages tatsächlich verhandelt werden müssen, das Ergebnis bleibt aber bis dahin offen.

Die Meinung von Ferdinand von Schirach scheint beim Lesen klar, doch vielleicht täuscht man sich da auch. Auf jeden Fall wird man letztlich selbst abwägen müssen, allerdings weniger Leben gegen Leben, sondern vielmehr die Menschenwürde gegen den Wunsch nach Vergeltung. Was wiegt schwerer? Was sind die Verfassung und ihre Prinzipien wert? Was ist wichtiger – Freiheit oder vermeintliche Sicherheit? Wenn wir beschließen sollten, Leben gegen Leben abzuwägen, wo ist dann die Grenze? Wer darf über Leben und Tod entscheiden? Wenn wir uns von unserer Angst beherrschen und uns immer weiter einschränken lassen, haben die Terroristen dann nicht ebenso gewonnen? Macht uns die Auffassung des Bundesverfassungsgerichts wirklich hilf- und wehrlos, wie der Angeklagte behauptet, oder ist sie nicht eher ein Ausdruck von Stärke?

Ferdinand von Schirach stellt in dem Theaterstück eine Vielzahl interessanter Überlegungen an. Es werden vergleichbare Fälle angesprochen, in denen man rein instinktiv völlig anders handeln oder gar nicht erst darüber nachdenken würde ein Menschenleben für ein anderes zu opfern und zeigt dann die zum Teil nur marginalen Unterschiede auf. Er bringt einen dazu seine Überzeugungen in Frage zu stellen und regt folglich definitiv zum Nachdenken an.

Die Darstellung der Gerichtsverhandlung ist ziemlich realistisch, mit Ausnahme der etwas zu ausschweifenden Plädoyers sowie der Entscheidungsfindung bzw. der Vielzahl an Schöffen. Es sind nämlich die Zuschauer, die letztlich über den Ausgang des Prozesses entscheiden. Es ist eine großartige Idee, das Publikum auf diese Weise aktiv in das Stück einzubinden und macht das Ganze noch deutlich spannender. Während das Ende im Theater natürlich allein der Entscheidung der Zuschauer entspricht, sind im Buch die beiden alternativen Enden nacheinander abgedruckt. Wer nach dem Lesen wissen möchte, für welche der beiden Alternativen sich das Publikum bei den Aufführungen des Stücks häufiger entschieden hat, kann die durchaus interessanten Abstimmungsergebnisse online einsehen.

Zusätzlich zum Theaterstück enthält das Buch, wie schon beschrieben, eine fantastische Rede des Autors, der man eigentlich in allen Punkten nur zustimmen kann. Er setzt sich darin mit grundlegenden, bedeutsamen Fragen auseinander und betont, wie wichtig es sei den Rechtsstaat auch in schweren Zeiten aufrecht zu erhalten, weil er essentiell für eine aufgeklärte Demokratie sei. Der Wunsch nach Vergeltung dürfe nicht dazu führen, dass wir unsere hart erarbeiteten Werte und Prinzipien vergessen. Andere Länder wie Norwegen seien bereits mit positivem Beispiel vorangegangen. Die Botschaft oder vielmehr die Frage, die sich schließlich jeder Stellen sollte, wird mehr als deutlich: Lohnt es sich die Freiheit für vermeintliche Sicherheit aufzugeben?

Fazit

Terror ist erschütternd, überraschend, schockierend, unerwartet. Es beinhaltet ein grandioses Theaterstück, das man nach dem Lesen sehr gern einmal live sehen möchte, sowie eine überaus eindrucksvolle Rede, die man sich durchaus zu Herzen nehmen sollte.





Kommentare

  1. Tolle Rezension und du spiegelst meine Meinung komplett wider. Ich habe damals den Fernsehfilm gesehen und fand auch, dass das ein sehr interessantes Experiment war, das sollte es öfter geben. ;) Denn es regt dazu an, dass man sich intensiv mit diesem Thema auseinandersetzt und sich hinterfragt. Finde ich sehr wichtig, denn wie du schon geschrieben hast: Wir können uns in der heutigen Zeit leider nicht mehr sicher sein, ob wir nicht mal einen solchen Fall verhandeln. Umso wichtiger, dass man darüber jetzt schon spricht.

    Die Abstimmungsergebnisse der Aufführungen muss ich mir auch mal anschauen.

    Danke auch für deinen lieben Kommentar zu den Kino-Neustarts. Geht mir bei “Skyscraper” und “Die Farbe des Horizonts” ähnlich. Ich mag ja bei beiden Filmen den Cast und möchte die deshalb schon sehen, aber halt nicht im Kino. “San Andreas” fand ich ja auch unglaublich toll, aber war auch froh den via Netflix geguckt zu haben und nicht im Kino. So Katastrophenfilme schaue ich lieber zu Hause.

    Dann bin ich aber gespannt zu hören, was du zur Fortsetzung sagst. Ich mochte den Film ja auch und hoffe, dass sie die Qualität halten. Habe mich da damals gut unterhalten gefühlt und auch der Cast war grandios. Und bei Ed Sheeran wünsche ich dir natürlich unglaublich viel Spaß, bin aber auch etwas neidisch, denn er ist mein absoluter Lieblingssänger und irgendwann möchte ich auch mal auf ein Konzert von ihm.

    Ja, die richtige Reihenfolge des MCU. Ich habe da echt gar keine Ahnung und schaue die deshalb wohl überhaupt nicht so wie vorgegeben, aber das merke ich ab und an bei den einzelnen Filmen dann schon. Gerade bei Thor 3 hatte ich deshalb mit dem Anfang des Filmes so meine Probleme, weil ich gar nicht wusste, um was es da nun konkret geht. Mein Bester regt sich da ja gerne drüber auf, dass ich das so ungeordnet schaue. Den ersten Teil von Ant-Man kann man aber ohne Wissen aus anderen Filmen verfolgen, da gab es für mich damals keinerlei Verständnisprobleme. Der ist auch sehr unterhaltsam, ich habe mich köstlich amüsiert.

    Bei den drei von dir genannten Filmen geht es mir ähnlich. Auch alle fürs Heimkino vorgemerkt und “Jurassic World 2″ möchte ich noch vom letzten Monat sehen, genauso wie “Love, Simon”. In diesem Monat reizt mich fürs Kino am meisten “The Purge”. Aber drei Filme? Das ist dann doch unwahrscheinlich, dass ich dafür die Zeit finde.

    Ja, bin ich, aber ehrlich gesagt sehr inaktiv. Ich war da schon ewig nicht mehr eingeloggt. Meistens schreibe ich über Filme und Serien dann doch hier auf dem Blog. :D

    • Danke für das Kompliment, deinen Kommentar und die lieben Wünsche. Wenn du magst, kann ich ja hinterher berichten, wie das Konzert war.

      Es gibt einige Filme im MCU, für die man nicht zwingend Vorkenntnisse braucht, aber irgendwie hängen die Filme doch alle zusammen, deshalb möchte ich die Reihenfolge einfach gern einhalten. Und es gibt natürlich auch Fälle, in denen das unerlässlich ist. Ich weiß nicht mehr, bei welcher Staffel es war, aber es gibt eine Staffel bei ‘Shield’, bei der man zwischen zwei Episoden eigentlich den zweiten ‘Avengers’ Film hätte sehen müssen, ohne konnte ich der Serie überhaupt nicht mehr folgen – ich hatte den Film noch nicht gesehen – weil alle darauffolgenden Episoden Bezug auf die Ereignisse des Films nahmen.

      ‘Love, Simon’ habe ich bereits gesehen und kann ihn empfehlen. Mir hat er sehr gut gefallen.

      Schade, dass du auf moviepilot nicht so aktiv bist. Ich schreibe dort zwar nicht über Filme, bewerte aber jeden Film, den ich sehe, und habe so eine sehr gute Übersicht. Ich werde z.B. informiert, wenn vorgemerkte Filme im TV laufen und kann sehen, was Freunde so gesehen und bewertet haben. Außerdem konnte ich nur dank der Liste meiner bewerteten Filme einmal einen Film wiederfinden, den mein Vater gern kaufen wollte. Ich wusste genau, welchen Film er meint, weil wir ihn zusammen gesehen hatten, konnte mich aber nicht an den Titel erinnern. Und da keine mir bekannten Schauspieler darin mitgespielt hatten, konnte ich den Film auch darüber nicht finden. Ohne die Liste, die ich dann Titel für Titel durchgegangen bin, hätte ich den Film nie gefunden.

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