[Rezension] Der Traum von Olympia

09. Mai 2018 | 23:55 | Gelesen

Titel: Der Traum von Olympia – Die Geschichte von Samia Yusuf Omar
Autor: Reinhard Kleist
Originaltitel: Der Traum von Olympia
Erstveröffentlichung: 2015
Übersetzer: Originalsprache


Wissenswertes

Der Traum von Olympia – Die Geschichte von Samia Yusuf Omar ist ein Graphic Novel des deutschen Comiczeichners Reinhard Kleist, der 1970 in der Nähe von Köln geboren wurde und nach seinem Studium an einer Fachhochschule für Graphik und Design nach Berlin zog, wo er seitdem als Comiczeichner und Illustrator sein Geld verdient. Seine Werke wurden mittlerweile in diverse Sprachen übersetzt und mehrfach ausgezeichnet.

Der Traum von Olympia – Die Geschichte von Samia Yusuf Omar erschien zunächst als Fortsetzungscomic in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und wurde erst danach in überarbeiteter Fassung als Graphic Novel veröffentlicht.

Inhalt

Seit Samia ihr Land bei den Olympischen Spielen 2008 in Peking vertreten durfte, träumt die junge Sportlerin davon ebenso an der Olympiade 2012 in London teilzunehmen. Davon, dass sie in ihrer Disziplin den letzten Platz belegt hat, lässt sie sich nicht entmutigen, im Gegenteil, sie ist entschlossen noch härter zu trainieren als bisher. In ihrer Heimatstadt Mogadischu in Somalia wird ihr das jedoch immer schwerer gemacht, vor allem weil die muslimischen Fundamentalisten der Ansicht sind, dass es sich für Frauen nicht gehört Sport zu treiben. Samia will ihren Traum aber nicht so leicht aufgeben, also begibt sie sich zunächst in das Nachbarland Äthiopien. Als man sie auch dort nicht trainieren lassen will, beschließt sie ihr Glück in Europa zu versuchen und begibt sich auf eine gefährliche Reise, die für sie kein gutes Ende nimmt …

Kritik

Der Traum von Olympia – Die Geschichte von Samia Yusuf Omar ist die bewegende und zugleich erschütternde wahre Geschichte einer jungen Sportlerin aus Somalia, gekonnt umgesetzt von Reinhard Kleist als mitreißenden Graphic Novel.

Samia ist eine mutige und willensstarke Protagonistin, deren trauriges Schicksal repräsentativ für das tausender weiterer Flüchtlinge ist. Sie träumt von ihrer zweiten Teilnahme an den olympischen Spielen und will einfach nur dafür trainieren. In ihrer Heimat scheint das jedoch nicht möglich zu sein, denn das einzige Stadion ist heruntergekommen und die Al-Shabaab-Miliz will ihr Training verhindern, weil sie eine Frau ist. Auch in Äthiopien will man sie nur wegen ihres Geschlechts nicht trainieren lassen oder sie gar ins Team aufnehmen. Voller Verzweiflung lässt sie sich daher auf den riskanten Plan ihrer Tante ein nach Europa zu fliehen und begibt sich zusammen mit ihr auf eine überaus beschwerliche und gefährliche Reise, die für die junge Athletin schließlich tödlich endet.

Ihr schwerer Weg wird anschaulich beschrieben und durch ihre (fiktiven) Facebook-Posts lässt Reinhard Kleist den Leser an Samias Gedanken, Sorgen, Ängsten und Hoffnungen teilhaben. Es ist wahrlich erschreckend, wie Samia und die anderen Flüchtlinge behandelt werden und wie rücksichtslos Schlepper ihre Hoffnungen und Träume von einer besseren Zukunft ausnutzen, um sich schamlos zu bereichern. Wie der Autor selbst in seinem berührenden Vorwort schreibt, kann man sich als behütet aufgewachsener Europäer kaum vorstellen, was einem Flüchtling auf seiner langen Reise alles widerfährt, was er dabei durchmacht. Obwohl es den Flüchtenden in der Regel schon kaum möglich ist das anfänglich aufgerufene Geld zu beschaffen, wird der Preis unterwegs beispielsweise mehrfach erhöht und wenn sie nicht in irgendeiner Zelle verrotten wollen, müssen sie Freunde oder Verwandte kontaktieren und geradezu anflehen ihnen Geld zu schicken. Geld, das sie ihnen auf jeden Fall zurückzahlen wollen, sobald sie es nach Europa geschafft und dort Arbeit gefunden haben.

Es ist einem unbegreiflich, warum so viele Menschen hierzulande die Beweggründe dahinter scheinbar nicht nachvollziehen können. Man kann es doch niemandem verdenken, ein Land verlassen zu wollen, in dem Krieg und Gewalt herrschen und in dem es, zumindest zurzeit, keine Perspektiven für die Menschen gibt. Ein Großteil der Bevölkerung wird im eigenen Land von militanten Bewegungen, deren fundamentalistische Ansichten sie nicht zwingend teilen, terrorisiert und unterdrückt, im schlimmsten Fall sogar getötet. Auch Samia bekommt von ihnen schließlich Todesdrohungen. Außerdem fällt es keinem von ihnen leicht ihre Familien zurückzulassen, sie alle hoffen allerdings auf eine friedliche Zukunft und einen Job, durch den sie ihre Familien aus der Ferne wenigstens finanziell unterstützen können, um ihnen so ein besseres Leben zu ermöglichen.

Das Werk macht demzufolge auf ein ausgesprochen wichtiges Thema aufmerksam, das in den Medien zwar nach wie vor präsent ist, aber dennoch nicht genug beleuchtet wird. Viel zu viele Menschen machen sich kaum Gedanken darüber oder verschließen die Augen vor den Konsequenzen. Fakt ist jedoch, dass jährlich unzählige Menschen bei dem Versuch sterben nach Europa zu gelangen. Sie sind sich dieser Gefahr durchaus bewusst – Samia und den anderen Flüchtlingen in der Geschichte ist ebenfalls vollkommen klar, dass ein Schlauchboot auf dem offenen Meer keineswegs ein sicheres Transportmittel ist, doch sie haben schlicht keine andere Wahl als einzusteigen, aus verschiedenen Gründen – trotzdem gehen sie das Risiko ein dabei ihr Leben zu verlieren, weil sie keine andere Chance sehen und darauf hoffen, dass es ihnen gelingen wird. Für die meisten von ihnen gibt es tatsächlich auch keine andere – legale – Möglichkeit nach Europa zu kommen.

Zusätzlich zur eigentlichen Lebensgeschichte von Samia, enthält das Buch unter anderem noch eine Karte mit der Route, die Samia von Somalia an die Küste Libyens führte, eine kurze, hilfreiche Erklärung zweier möglicherweise unbekannter Begriffe sowie ein geradezu beschämendes Nachwort des deutschen Journalisten Elias Bierdel, der sich mit einer eigenen Organisation für Flüchtlinge einsetzt.

Noch ein paar abschließende Worte zu den Zeichnungen von Reinhard Kleist: Sie sind grob und eher schlicht; Personen lassen sich besser anhand ihrer Kleidung als an den selten gleich aussehenden Gesichtszügen unterscheiden. Der Fokus des Graphic Novels liegt aber ohnehin unverkennbar auf der Handlung und einzelne Seiten enthalten teilweise nur wenig oder gar keinen Text. Der Autor lässt viele Zeichnungen also einfach für sich sprechen und erzielt dadurch eine ebenso starke Wirkung.

Fazit

Der Traum von Olympia – Die Geschichte von Samia Yusuf Omar ist ein sehr empfehlenswerter Graphic Novel, der auf wahren Begebenheiten basiert und nicht nur eine ergreifende Geschichte erzählt, sondern auch ein wichtiges Thema näher beleuchtet, über das viel zu viele Menschen viel zu wenig wissen.





Kommentare

  1. Mich hat der Graphic Novel auch sehr bewegt und wenn ich darüber lese, kommen die Gefühle und Gedanken immer wieder zurück. Sehr gelungen, sehr wichtiges Thema, auch von mir eine klare Leseempfehlung.

    Grüße, Christina

    • Schön zu wissen, dass ich nicht die einzige bin, die das Thema bewegt. Dann könnte der Titel ‘Illegal – Die Geschichte einer Flucht’ vielleicht ebenfalls interessant für dich sein. In diesem Graphic Novel geht es ebenfalls um das Schicksal eines Flüchtlings. Er erscheint im Sommer bei Rowohlt, wenn ich das richtig in Erinnerung habe, und ich bin schon sehr gespannt darauf. :)

  2. Hey,

    Graphic Novels sind nicht so meins, aber ich finde Bücher richtig gut, die von wahren Geschichten handeln. Danke für die tolle Rezension.

    Hab einen schönen Abend! Ganz lieben Gruß, Steffi
    #litnetzwerk

    • Hey,

      hast du schlechte Erfahrungen mit Graphic Novels gemacht oder es tatsächlich noch nie ausprobiert? Falls letzteres der Fall sein sollte, kann ich dir nur empfehlen, es einfach einmal zu versuchen, vielleicht wirst du überrascht.

      Geschichte, die auf wahren Begebenheiten basieren, mag ich grundsätzlich auch sehr gern, sowohl bei Büchern als auch bei Filmen.

      Schade, dass du keinen Link hinterlassen hast, dann hätte ich natürlich auch auf deinem Blog vorbei geschaut. :)

      Ich wünsche dir auch noch einen schönen Abend. Viele Grüße, Stephie

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